Hund und Halter e.V.

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Rasseneinteilung, Wesensprüfung
und Heimtierzuchtgesetz


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"Gefährliche und auf Aggression selektierte und abgerichtete Hunde"


Dr. Dorit Feddersen-Petersen
Ethologin
Fachtierärztin für Haustierkunde der
Christian-Albrechts-Universität

Redebeitrag zur Anhörung der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen vom 21.08.2000

1. Sachgerechte Definition gefährlicher Hunde Ist die Voraussetzung, um die Aufgabe des Schutzes der Bevölkerung vor diesen effizient durchzusetzen.

Es gibt keine "gefährlichen Hunderassen", (weder nach Beißvorfällen noch wissenschaftlichen Erkenntnissen - ethologisch, tierzüchterisch, molekulargenetisch - folgen diese Benennungen seriösen, nachvollziehbaren Kriterien) - es gibt gefährliche Hundeindividuen. Die Wirksamkeit von HundeVO, die insbesondere auf Hunderassenverbote u.a. ausgerichtet sind, muß gering sein, Willkür bei der Rasseauswahl muß vorliegen, da es Rassen mit geringer Population sind, die z.T. keine bzw. wenig Beißvorfälle verursachten. Eine Ausrottung von Rassen ist völlig unverhältnismäßig! Der Begriff "gefährlicher Hund" ist vielmehr rasseneutral für Individuen über bestimmte Merkmale zu bestimmen (der Situation nicht angemessenes Aggressionsverhalten, Angriffe und ungehemmtes Beißen (ohne Beißhemmung) von Sozialpartnern (Artgenosse, Mensch) u.a. Tierarten). Hund und Mensch bilden stets ein "Beziehungsgespann": jede Hundezucht wie Hundeentwicklung, jedes Hundeverhalten wird vom Menschen entscheidend beeinflußt, der überwiegend ursächlich verantwortlich ist für gestörte Beziehungen zum Tier. Es sind die Züchter (Massenzuchten!) und Besitzer bzw. das gesamte soziale Umfeld, das Hunde gefährlich werden läßt. Analysen der Genesen von schweren Beißvorfällen weisen auf soziologische Probleme, das Bedürfnis von Menschen über den Mißbrauch von Hunden zu imponieren, Angst einzuflößen und ihr Ego aufzuwerten. Die "Aggressionszüchtungen", in der Regel Kreuzungen (sog. "Hinterhof-Züchtungen"), sind als Symptom gesellschaftlicher Probleme zu werten. Das neue Tierschutzgesetz verbietet Aggressionssteigerungen, züchterisch wie über entsprechende Konditionierung. Die entsprechenden müssen nur zur Anwendung kommen.

Aggressivität von Hunden wird oft mit "Gefährlichkeit" synonym gesetzt, was falsch ist. Ein Hund, der knurrt, ist nicht gefährlich. Er kommuniziert. Wissen sollte hysterisches Verhalten ersetzen. Aggressivität ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Sozialverhaltens, ein Regulativ für das Zusammenleben - für das ausgewogene Zusammenarbeiten (Kooperation) und Streiten (Kompetition) um Ressourcen, Requisiten und Randbedingungen (Futter, Platz, Bindungspartner) in geschlossenen, hierarchisch strukturierten Verbänden, in Rudeln oder Gruppen. Wichtig ist allerdings das situationsangemessene Auftreten von Elementen des Aggressionsverhaltens und die hundliche Fähigkeit zur aggressiven Kommunikation, zur ritualisierten Aggression. So wird durch eine m.o.w. differenzierte Kommunikation des Gros der Rangstreitigkeiten unblutig beigelegt - es wird nicht zugebissen, es bleibt vielmehr dabei, daß Drohsignale gezeigt werden. Aggressives Verhalten entwickelt sich interaktiv, der Mensch ist hier ganz wesentlich beteiligt. Hunde, die sich sehr häufig und auf hohem Eskalationsniveau (1. Form aggressiver Übergriff, Beißereien) aggressiv auseinandersetzen, zeigen Indikatoren einer mangelhaften Eingepaßtheit in ihr Sozialsystem, hinweise auf Störungen in ihrer Verhaltenssteuerung und können dadurch gefährlich werden. Aggressionsverhalten dient u.a. einem individuellen Statusgewinn, der Dominanz. Es reguliert soziale Bindungen und kann damit auch zum Ausdruck eines gestörten Organismus - Umwelt - Verhältnisses werden. Frustrationen im motivierten Verhalten und Streßreize, insbesondere sozialer Streß und entsprechende soziale Stimmungsübertragung vermögen so die hundliche Aggressivität zu verstärken. Dieses resultiert auch bei unbiologischer, einseitiger Zuchtauslese auf Aggressionssteigerung. Infolgedessen kann Aggressionsverhalten auch fehlgerichtet auftreten und Ausdruck von Verhaltensstörungen sein. Gefährliche Hunde sind nicht in ihr Umfeld eingepaßt, bedingt durch Reizarmut. Wichtig ist, daß der Hundehalter das Verhalten seines Hundes, so auch dessen Aggressionsverhalten, dahingehend zu beeinflussen vermag, daß dieser weder eine Belästigung noch eine Gefahr für seine Umwelt wird. Zu verhindern ist, daß Menschen hundliches Aggressionsverhalten instrumentalisieren, Tiere mißbrauchen zur Aggressionsdressur und Aggressionszucht. Gibt es diesbezügliche rassetypische Unterschiede (Unterschiede in der genetischen Disposition bezüglich Auslösung, Qualität / Quantität des Aggressionsverhaltens)? Grundsätzliches zur Untersuchung des Aggressionsverhalten von Hunden: Um das Verhalten, so gerade auch das so vielursächliche Aggressionsverhalten, normaler und unerläßlicher Bestandteil des Sozialverhaltens auch bei Haushunden, biologisch korrekt einzuordnen, und dessen Verhaltenssteuerung kausal kennenzulernen (wie und mit welchem Ziel läuft aggressives Verhalten in einer bestimmten Umweltsituation ab?) und funktional begreifen zu können (wozu läuft dieses Verhalten ab?), sind umfangreiche Kenntnisse zum "Normalverhalten" einer Art Vorbedingung. Bei Haustieren ist "Normalverhalten", sind sowohl die Ziele der Verhaltenssteuerung als auch die Funktionen von Verhaltensweisen, letztendlich allein über Kenntnisse zum Verhalten ihrer Stammformen zu verstehen. Der Wolf, die Stammart aller Haushunde, unseres ältesten Haustieres, das eine enge soziale Symbiose zum Menschen einging, und enger Kumpan wurde, muß das Referenzsystem sein, will man Aussagen über domestikationsbedingte bzw. durch Zucht gefestigte Verhaltensänderungen belegen.

Die Graphik zeigt die Entwicklung aggressiver Interaktionen bei Wölfen und Hunderassen unter vergleichbaren Gehegebedingungen: Pudel und Labradors verhalten sich unter semi-natürlichen Bedingungen gehalten, außerordentlich aggressiv, zeigen Indikatoren sozialen Stresses, die auf Überforderung verweisen. Bullterrier (und American Staff. Terrier), interagieren zunächst häufiger aggressiv (Übergänge aus dem Welpenspiel, dann sinkt die relative Anzahl, gemessen am Gesamtverhalten der Tiere), Deutsche Schäferhunde und Alaskan Malamutes zeigen im Jahresverlauf prozentual einen relativ (zum Wolf) niedrigen Level aggressiver Auseinandersetzungen, die überdies überwiegend ritualisiert sind. Die Fila Brasileiros (als "gefährliche Rassen", die es verhaltensbiologisch nicht gibt) liegen noch unter dem Niveau der wölfischen Auseinandersetzungen.

Fazit: Die ökologischen Bedingungen einer Datenerhebung sind von ausschlaggebender Bedeutung (Ausschluß von Variablen!). Diese unveröffentlichten Daten sagen aus, daß es Angehörige von Rassen gibt, die eine größere soziale Flexibilität haben, deren Strategien zur Konfliktlösung in der Gruppe weniger reduziert sind als bei anderen. Hunde mit einem ausgewogenen Sozialverhalten sind variabler trainierbar, anpassungsfähiger - somit (mit aller Vorsicht) ungefährlicher - wenn sie auf verantwortungsbewußte, kundige Menschenpartner treffen. So ein ausgewogenes Verhalten ist immer als positiv für eine Rasse anzusehen, besagt jedoch nicht - im Umkehrschluß, daß Pudel und Labradors gefährlich sind. Sie benötigen (Pudel) den Menschen, sind ideale Familienhunde in "einfacheren Sozialbezügen", sind aber unter Artgenossen leichter überfordert.
Gefährlichen Hunden liegen sehr unterschiedliche Genesen zugrunde: frühe Isolierung und Abrichtung zum Artgenossen- und Menschenangriff, schlimmstenfalls, was zu schwersten, irreversiblen Verhaltensstörungen führt, Vernachlässigung (Hundeproduktionsstätten, die reizarm sind und Deprivationsschäden verursachen), reizarme, nicht rassegerechte Haltung. Gefährliche Hunde resultieren in aller Regel aus bestimmten Mensch - Hund Beziehungen. Es geht um soziologische Probleme, Defizite. Auffällig gewordene Hunde waren es, die schwer verletzten oder töteten, ihre Opfer könnten heute noch leben, wenn der Vollzug der damaligen Legislative effektiver gewesen wäre.
Gefährliche Hunde sind nicht stabil (sozialer Status!) in Gruppen eingepaßt, haben Defizite im Sozialverhalten, sind in ihrem Verhalten nicht oder schlecht zu beeinflussen, zeigen ein unausgewogenes Sozialverhalten. Aggressionsverhalten tritt nicht als Regulativ, vielmehr als Symptom einer Verhaltensstörung auf.
2. Bewertung und Wirksamkeit der Abgrenzung von "harmlosen" und gefährlichen Hunden unter Berücksichtigung der Verlagerung des Problems auf andere Hunderassen

Es gibt weder "gefährliche" noch "harmlose" Rassen. Nur möglich, wenn das Hund - Halter - Gespann betrachtet und geprüft wird. Die Gefährdung geht vom Menschen aus. Hunde sind Haustiere, die sich an Menschen binden. Gut sozialisierte Hunde haben kundige und verantwortungsvolle Halter. Diese gilt es zu fördern (Steuernachlaß, geringerer Versicherungssatz nach bestandener Sachkundeprüfung und bestandenem Wesenstest). Setzt man fälschlicherweise weiter beim Hund an, wird das nach wie vor ungelöste soziologische Problem auf andere Rassen verlagert.

Zudem führen die Rasselisten der Länder zur Rechtsunsicherheit bei den Haltern von ca. 5,5 Mill. Hunden. Die im Gesetzentwurf festgelegte massive Einschränkung der Grundrechte von Hundehaltern kann im Kontext der Rassefestlegung schnell zur Kriminalisierung völlig unbescholtener Bürger führen.

Von der geplanten Veränderung des Tierschutzgesetzes ist dringend abzuraten:
  1. Es ist ethisch und rechtlich unvertretbar, ganze Rassen ohne sachliche Grundlage auszurotten.
  2. Es fehlen Kriterien, nach denen die Rassen benannt wurden. Dieser ungeheuerliche wie peinliche Mißstand würde durch das Bundesgesetz manifestiert.
  3. Die willkürliche Ausrottung der weitgehend völlig unauffälligen Rassen hat keine Reduzierung gefährlicher Hunde zur Folge.
Gefährliche Hunde entstehen durch kriminelle Züchter und Halter, die stets eine Rasse / Kreuzung für ihr perverses Anliegen finden.

3. Bewertung und Wirksamkeit einer Einteilung von Hunden nach Größe und Gewicht

Ungeeignet: die großen molossoiden Rassen (Mastino, Fila u.a.) sind in aller Regel ruhig, ausgeglichen und schwieriger zu mißbrauchen, da die Auslösbarkeit eines Beschädingsangriffs bei ihnen (Temperament, Wesen) Probleme bereitet. Hunde verhalten sich nicht nach Größe und Gewicht - die Verletzungen, die ein großer Hund setzen kann, sind schwerer (mit Ausnahmen, Dackel und Kleinkind), die Abgrenzung biologisch unsinnig und gefährlich: restriktive Haltung, die Störungen bewirkt bei großen Hunden, die nun gerade ein ausgeprägteres Laufbedürfnis, und höhere Anforderungen an ihre Umwelt haben. 4. Darstellung der Ausgestaltung einer sinnvollen Wesensprüfung für Hunde

Sollte nicht für Rassen angeordnet werden (s.o.), vielmehr für "gefährliche Hunde". Leinen- und Maulkorbzwang, Kastration und Zuchtverbot für Rassen ist weder indiziert noch sinnvoll, um der schwerwiegenden Verantwortung nachzukommen, den Bürger vor gefährlichen Hunden effizient zu schützen.

Ich beziehe mich auf die Wesensprüfung, die für Niedersachsen erarbeitet wurde: Ausschluß von Individuen mit gestörtem Sozialverhalten, insbesondere einem unakzeptablen (inadäquaten) Aggressionsverhalten (fehlen der Eskalationsstufen I - VI nach Feddersen-Petersen, 1999): Aggressionsverhalten tritt nicht mehr als Anpassung auf, erscheint vielmehr biologisch und in seiner Genese als nicht nachvollziehbar, unvermittelt, plötzlich und in sehr extremer Ausprägung. (Maladaptives Aggressionsverhalten). Hunde mit gestörter aggressiver Kommunikation leiden (Tierschutzrelevanz nach 11b Tierschutzgesetz i.d.F. von 1998) und sind für ihre Umwelt aufgrund der dargestellten Störung ihres Sozialverhaltens ein erhöhtes Gefährdungspotential.

Anforderungen an den zu erstellenden Test:
Die Hunde sind mit einer Vielzahl von Stimuli zu konfrontieren, insbesondere solchen, die bekannterweise Aggressionsverhalten bei Hunden auslösen. Denn Aggressionsverhalten ist ein normaler Bestandteil des Aggressionsverhaltens, entsprechenden Reizen müssen Hunde begegnen können, ohne daß es zu Ernstkämpfen (Eskalation einer Interaktion) mit Artgenossen oder Menschen kommt. Der Test muß objektivierbar und validierbar sein und sollte von Tierärzten mit Zusatzausbildung oder anderen Fachleuten durchgeführt werden.

5. Darstellung der Anforderungen an ein Heimtierzuchtgesetz

Es muß verhindert werden, daß ein Jeder, also auch ein Mensch ohne Fachkenntnis und Verantwortung, sowie einer, der nur am Hund verdienen will, züchten darf. Also sollte ein Heimtierzuchtgesetz erlassen werden, die hierfür erforderlichen rechtlichen Voraussetzungen sind zu schaffen. Auch eine HundehalterVO sollte endlich erlassen werden. Wir müssen, entfernt von emotionalen "Lösungsansätzen im Schnellverfahren", zu objektiven Fakten, zu einer objektiven Darstellung der Gefährdung durch Hunde und deren Ursachengefüge finden.


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